Gedanken zu Liquid Democracy und Liquid Feedback

18.11.2010

Liquid Democracy bzw Delgated Voting ist eine sehr dynamische Demokratieform, die stark auf dem Delegationskonzept beruht (Infos im ChaosRadio). Das bedeutet, dass du jederzeit und zu jedem einzelnen Themenbereich oder zu einzelnen Entscheidungen (neu) bestimmen kannst, an wen du deine Stimme delegierst oder ob du selbst abstimmst. Spannend finde ich die Konkretisierung und technische Umsetzung dieser Idee in der Piratenpartei. Dabei kommt vor allem die Software Liquid Feedback zum Einsatz.
Einige der antreibenden Ideen dahinter sind, dass große über längere Zeiträume vertretende Institutionen wie Parteien vielleicht früher sinnvoll waren, als Kommunikation mit längeren Reisen verbunden war, jedoch mit modernen Kommunikationsmedien zunehmend absurd erscheint und dass in eine komplexen Welt die unterschiedlichsten Menschen zu unterschiedlichen Themenausschnitten Expert_innen sein können.
Ein wichtiges Konzept bei LiquidFeedback ist meiner Meinung nach, sich als Gruppe selbst festzulegen, nach welchen Verfahren in welchen Fällen entschieden werden soll, also welche Zeiträume für die Vorstellung einer neuen Entscheidungsfrage, für Diskussion, für die Ruhephase vor der Abstimmung ("eingeforen") und für die Abstimmung selbst zur Verfügung stehen sollen und welche Zustimmung nötig ist, um in die nächste Phase überzugehen. Das worüber abgestimmt wird (auch Alternativen zum ursprünglichen Vorschlag) kann von allen eingebracht werden. Dadurch entsteht ein meiner Meinung nach unverzichtbarer Prozess des Diskutierens, sich Verständigens und Abwägens, der bei jetzt üblichen stumpfen MultipleChoiceWahlen nicht gegeben ist.
Eine Frage, die sich mir stellt, ist, ob es möglich und wünschenswert wäre, anarchistische Entscheidungsprozesse (Vermeiden von Entscheidungen, wo sie nicht nötig sind, dezentrale Entscheidungen derer, die betroffen sind, Konsens statt Abstimmung, damit alle gehört und keine_r ausgegrenzt wird) auf dezentraler Ebene in ähnlicher Weise formalisiert werden könnten. Wichtig fände ich zusätzlich eine Übersicht darüber, was aktuell als Entscheidung festgehalten wird. Benni Bärmann fragt auf keimform.de wie eine Gesellschaft aussehen würde, in der LiquidFeedback funktioniert und ob LiquidFeedback dann noch nötig wäre. Ich kann mir vorstellen, dass durch die Beschäftigung mit dem Thema einigen Zweifel an der Methode des Abstimmens, also am Überstimmen von Minderheiten kommt, denke aber dass technische Unterstützung von Entscheidungsprozessen auch in einer anarchistischen Gesellschaft nötig wäre, wenn sie nicht nur auf lokale Subsistenz setzt, sondern Technologie sinnvoll produzieren und einsetzen will, da Entscheidungen zu diesen Themen mehr Menschen als überschaubare lokale Bezugsgruppen betriffen.



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