Selbstorganisationskompetenzen

07.11.2010

Hier einige Gedanken aus und zu einer Veranstaltung über "Selbstorganisationskompetenzen" mit Tom Novak aus Stuttgart.

Wir leben in einer hierarchischen, leistungsorientierten, kapitalistischen Gesellschaft und unsere Kompetenzen werden für diese Zwecke ausgebildet. Mit Kompetenzen sind grob verkürzt Fähigkeitenbündel gemeint, mit denen man sich in neuartigen Situationen zurechtfinden kann. Diese Kompetenzen lassen sich nur begrenzt auf kollektive Selbstorganisation auf Augenhöhe übertragen. Für eine emanzipatorische Selbstorganisation ist es also nötig, sich teilweise andere Kompetenzen anzueignen als für eine neoliberal orientierte. Dies mag innerhalb einer kapitalistischen Struktur schwierig sein, jedoch halte ich es für illusorisch, dass dies mit der Revolution dann schon automatische komme. Umgekehrt kann eine hierarchiearme Revolution, oder besser Transformation, nur dann kommen, wenn genügend Menschen dazu fähig sind.

Tom teilt Kompetenzen in vier Gruppen auf: fachliche, emotionale (Wechselspiel zwischen Gedanken und Gefühlen), soziale (Wechselspiel zwischen eigenen Bedürfnissen und denen der eigenen Umgebung) und motivationale (unter welchen Umständen bin ich gerne tätig). Häufig wird nur die erste Kompetenzgruppe explizit angeeignet, obwohl dies für die anderen Gruppen auch hilfreich wäre.

Wichtig finde ich die Einsicht, dass viele dieser Fähigkeiten vor allem dialogisch, also innerhalb sozialer Gruppen erlernt werden können. Eine Schwierigkeit der Aneignung von Selbstorganisationskompetenzen in der Gegenwart ist, dass einige der von Tom genannten Kompetenzen mit Gefühlen und Bedürfnissen zu tun haben und diese gesellschaftlich bedingt sind. Eine Möglichkeit damit umzugehen ist nach Tom die "Selbstreflexion der eigenen Gewordenheit" und (mit Unterstützung einer Bezugsgruppe) die Untersuchung der Wechselwirkungen von Struktur oder Gesellschaft und Individuum und damit verbunden das Ruckeln an diesen Strukturen und dem Selbst.

Tom's Hypothese (Vermutung) ist, dass mit dem Vertrauen, sich für eine herrschaftsfreie Gesellschaft notwendige Fähigkeiten aneignen zu können (bei sich selbst und anderen), auch die Vorstellungskraft über und der Wunsch nach einer herrschaftsfreien Gesellschaft steigt. Wichtig ist es also Bedingungen zu schaffen, in denen entsprechende Fähigkeiten angeeignet werden können.

Tom kritisiert die in der linken Szene übliche Polemik (Marx nachgeahmt) als eine trennende Art der Äußerung von Kritik. Diagnosen über andere ordnet er als dominanzorientiert ein. Auf Basis dieser Einschätzung könnten wir vom gegenseitigen Unterstellen von Inkompetenz hin zu Selbstauskünften einerseits und andererseits Nachfragen über das Befinden und Denken des Gegenübers übergehen.

Das Schwierige beim Umlernen von eigenen Verhaltensmustern ist die übliche Übergangsphase der Unsicherheit im Verhalten. Dieser sogenannte "Raum der Konfusion" bringt zwar nicht unbedingt eine Handlungsunfähigkeit, aber eine tastende Langsamkeit mit sich; bevor sich wieder eine flüssige, unbewusste Kompetenz einübt. Diesen zeitweiligen Verlust der geliebten Sicherheit im Handeln scheuen viele Menschen; auch solche, die sich sonst für gesellschaftliche Emanzipation einsetzen.

Danke an Tom für die Veranstaltung und das Überarbeiten des Eintrags
(erfülltes Bedürfnis: Gedankenanregung)



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