Kritische Gedanken zu Gewaltfreier Kommunikation

04.10.2010

Im September 09 waren in der Graswurzelrevolution (GWR) zwei von mir (mit-)geschriebene Artikel über Gewaltfreie Kommunikation (GFK) und Zusammenhänge zu anarchistischer Vorgehensweise abgedruckt. Im Januar 2010 schrieb Johann Bauer ebenfalls in der GWR eine Antwort darauf. Im Folgenden ist einige Gedanken von mir dazu, die im Austausch mit zwei GFK-Bekannten entstanden sind.

Mich haben der Text von Bauer und auch die Kommentare der beiden GFK-Bekannten angeregt, weiter über die Frage der Vorgehensweise auf dem Weg zu einer möglichst herrschaftsarmen Gesellschaft nachzudenken.

Es ist mir wichtig, möglichst keine Dogmen in meinem Denken zu haben, und vieles (auch GFK) kritisch hinterfragen zu können. (Das Anstreben von Herrschaftsfreiheit ist für mich als einziges Dogma fest.) Als Anregung dazu schätze ich Texte wie den von Bauer sehr. Ich nehme den Text so wahr, dass Bauer GFK nicht ablehnt, sondern lediglich auf mögliche Gefahren hinweisen möchte. Folgende mögliche Gefahrenpunkte sehe ich auch:

1) Objektivität (Beobachtung) ist (aus poststrukturalistischer Perspektive) kaum möglich, da jede_r in Strukturen eingebunden ist und von diesen beeinflusst wird.
2) die volle Verantwortung für eigene Gefühle und Bedürfnisse zu übernehmen kann leicht in Richtung (neoliberaler) Eigenverantwortung für Arbeitslosigkeit, Bildungsstatus, Depressionen gerückt werden. (Ausblenden struktureller Benachteiligungen). (Ich will nicht sagen, dass die Verantwortung nur oder vor allem an "den Strukturen" hängt, da diese von allen mit reproduziert werden.)
3) Kommunizierbarkeit von Bedürfnissen: Wessen Bedürfnisse liegen außerhalb des Sagbarkeitsraums? Damit meine ich die Frage, wem es in welchem Kontext in den bestehenden Strukturen leichter fällt ein Bedürfnis zu äußern und wessen Bedürfnisse nicht wahrgenommen werden. Oder noch konkreter: warum stirbt alle 15 Sekunden ein Kind an Hunger?
4) Anerkennung/Legitimation von Herrschaftsstrukturen, wenn an diese Bitten geäußert werden. Bitten sind für mich Geschenke, die ich Menschen gebe, denen ich vertraue. "Den Staat" würde ich z.B. eher nicht um etwas bitten, da ich so nur seine Legitimation anerkennen würde.
5) Tendenz Konflikte zu schnell zu vermitteln, Drang eine gemeinsame Lösung zu finden. (R. schreibt z.B. von der Angst vor "den vielen Spaltungen und Abgrenzungen zwischen Menschen". Ich finde eine Herausstellen von Unterschieden zum Zweck des Austauschs, des Erkenntnisgewinns und der Klärung von unterschiedlichen Perspektiven wichtig. Da ich nicht davon ausgehe, dass es _die_eine_beste_ Vorgehensweise gibt, kann ich auch gut mit sich gegenseitig akzeptierenden Spaltungen und unterschiedlichen Vorgehensweisen leben.)

Ich (und vermutlich auch Bauer) will damit nicht sagen, dass das der GFK per se inherente Probleme sind. Die Praxis kann, wie R. beschreibt, ganz anders aussehen und dieser Gefahren bewusst sein. Andererseits finde ich es wichtig zu fragen, ob gewisse Gefahren unabhängig von der Praxis bereits in der Theorie/Haltung der GFK stecken bzw. ob es andere Ansätze gibt, die mit den Punkten anders umgehen. So hat nach meinem Wissensstand Restorative Circles z.B. durch die Einbeziehung der Community einen stärkeren Blick auf die umgebenden, wechselwirkenden Strukturen.



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"Man hatte das Gefühl, plötzlich in einer Ära der Gleichheit und Freiheit aufgetaucht zu sein. Menschliche Wesen versuchten, sich wie menschliche Wesen zu benehmen und nicht wie ein Rädchen in einer kapitalistischen Maschine." - George Orwell, Augenzeuge der Sozialen Revolution in Spanien 1936
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