Dialog über Sinn oder Unsinn von Utopien

18.08.2010

Unterhaltung zwischen zwei fiktiven Personen.

Kim: Du willst schon wieder über Utopien reden? Oh, das nervt langsam. Ich bin immer noch der Meinung, dass nicht irgendwelche metaphysischen Traumwelten, sondern die Empörung über und die Kritik an den alltäglichen, realen, materiellen Umständen der Anfang von Aktivität sein sollten. Und im Sinne des Definitionsrechts finde ich es auch wichtig, Kritik nur als solche äußern zu dürfen, ohne gleich zum Nachdenken über Alternativen genötigt zu werden.
Michelle: Du scheinst echt angenervt zu sein.
Kim: Bin ich auch. Ich stecke gerade tief in einer stressigen Polit-Kampagne und die Leute springen einfach nicht darauf an. Was interessiert die denn überhaupt noch?
Michelle: Utopien sind übrigens schon immer eine Form der Äußerung von Kritik gewesen. Du kannst aus den meisten Utopien herauslesen, was sie an der Gesellschaft, in der sie geschrieben wurden, kritisieren.
Ich bin übrigens auch angenervt. Es nervt mich, immer wieder über die gleichen offenen Fragen zu stolpern, sie immer wieder anzukratzen, aber nicht weiter zu kommen. Auch andere fragen mich immer wieder, wie das denn nun konkret aussehen soll mit der Anarchie und es fällt mir nach all den Jahren immer noch schwer, überzeugende Antworten zu geben. Deshalb will ich mal ein paar mögliche Antworten festhalten. Du brauchst keine Angst zu haben, dass da was "metaphysisches", nicht hinterfragbares, nicht veränderbares oder totalitäres bei heraus kommt. - Seit der Verbreitung von postmodernem Denken ist "die Zeit der großen Erzählungen vorbei" und seit den Zapatistas "schreiten wir fragend voran". Laut Schwendter und Martin d'Idler sind alle neueren Utopien dezentral, hierarchiearm, antwortvielfältig, frei von Geschichtsdeterminismus, prozessual und sich selbst hinterfragend.
Kim: Aber es hat sich doch gezeigt, dass Utopien, diese, wie Joachim Fest sie nennt, "Luftgeister aus Imagination und Wahn", sich immer wieder in die Zwangsvorstellung einer "totalen Gesellschaft" hinein verlängert haben. Positive Utopien wirken heute nur lächerlich und naiv.
Michelle: Du glaubst also an das Märchen vom "Ende der Geschichte"? "There is no alternative"? Haha! Das ist ja süß von dir. Das anarchistische Utopie- oder Bilderverbot nimmt ja auch schon fast religiöse Züge an. Ein uruguanischer Journalist meine übrigens mal "Utopia is on the horizon; I walk two steps, it takes two steps back. I walk ten steps, and it is ten steps further away. What is Utopia for? It is for this, for walking."
Kim: Selber süß. Das bestätigt mich darin, dass in dieser Utopievorstellung etwas Metaphysisches liegt. Das Unerreichbare. Huhu, verbeugt euch. Schon hast du einen neuen Herrscher: die Utopie.
Michelle: Vielleicht hast du recht, dass der Begriff "Utopie", also "Nirgend-Ort" oder "Nicht Örtichkeit" nicht so gut ist, weil darin das nicht Erreichbare steckt. Ich gehe von der Möglichkeit schrittweiser Annäherung in einem ständigen Reflexions- und Veränderungsprozess aus. "Utopie" ist für mich eine "vorläufige prozesshafte Wunschvorstellung" mit der Bereitschaft, sie immer wieder zu verwerfen. P.M. meint zu dem Begriff, es gehe ihm darum, "die verpasste Gegenwart zu rekonstruieren".
Kim: Außerdem besteht bei der Beschäftigung mit Utopien immer die Gefahr, sich in irgendwas festzurennen und sich so den Weg in eine andere Zukunft zu verbauen. Unsere Vorstellung reicht eben nicht bis in eine andere Gesellschaft, weil wir in diesen Strukturen hier festhängen und nur in deren Denkmustern denken können. So bleibt die "Utopie" in den Vorstellungen des Jetzt verhaftet.
Michelle: Ok, aber auch das Ablehnen von Utopie kann den Blick verstellen, in dem nur in jetzigen Kategorien gedacht wird. Manchmal braucht es kreatives Rumspinnen, Kunst, Science fiction, ... um auf neue Ideen zu kommen. Du wirst es im übrigen kaum verhindern können, dass Menschen sich für Utopien interessieren. Gerade in Krisenzeiten kommt es zu verstärkter "Utopiebildung". Übrigens gibt es mit der "Zukunftswerkstatt von Robert Jungk" eine Methode zur "Utopie Konstruktion". In drei Phasen mit der dir so wichtigen Kritik beginnend, über die Utopie-Phase bis zur letzten Phase, der Verwirklichungsstrategie, versuchen Menschen zu einem bestimmten Thema neue Ideen zu finden. Utopien müssen nicht immer die gesamte Welt beschreiben, auch kleine Bruchstücke zu einem beschränkten inhaltlichen Raum können schon sehr anregend sein. Kritik wird hier mit Inhalt gefüllt, indem die Frage nach "Freiheit zu was?" beantwortet wird. In der Zukunftswerkstatt wird die Verbindung von Utopie und dem "ins Handeln kommen" hergestellt.
Kim: Das sehe ich anders. Auch Marx meinte, er wolle keine Rezepte für die "Garküche der Zukunft" entwerfen.
Michelle: Ach der Marx! Von dem aus gesehen sind wir schon Zukunft. Und eine Utopie kann ein immer wieder überdenkbarer Hinweis für die Richtung und Art der nächsten Schritte sowie zur Motivation in Zeiten stressiger Polit-Kampagnen ganz hilfreich sein. Übrigens müssen wir ja gar nicht einer Meinung sein.
Kim: Stimmt. Aber müssen bei solchen Utopien nicht zwangsläufig entweder irgendwelche oberflächlichen, im wichtigen Detail nicht durchdachten oder primitivistische Entwürfe herauskommen? Immerhin ist die Welt in der wir leben ganz schön komplex.
Michelle: Ja, komplex ist sie in der Tat. Aber ich finde das ist kein Grund zu Vereinfachung oder Furcht. Moderne Computer-Technik sollte durchaus in der Lage sein, die Komplexität zu meistern. Es gibt ja auch jetzt schon riesige (soziale) Netzwerke, die in Software repräsentiert und semantisch durchsuchbar sind.
Kim: Ok, aber was hilft all die Utopie, wenn sie ein ferner Ort bleibt, wenn nicht klar wird, wie mensch dort hin kommen kann?
Michelle: Das ist wirklich eine wichtige Frage. Mir ist in letzter Zeit auch zunehmend klar geworden, dass die Frage nach dem "Wie" einer Transformation in eine andere Gesellschaft mindestens genauso dringend ist wie die nach Utopien. Viele Menschen scheinen sich aktuell Fragen nach einem Übergang zu stellen und gleichzeitig Ängste vor der Diskussion möglicher Antworten zu haben. Manche Utopien liefern den Weg dorthin direkt mit, aus manchen werden konkrete Handlungsmöglichkeiten für das Jetzt klar. Trotzdem bleiben immer noch viele Fragen offen, was ja auch gut ist. Ich würde mich freuen, wenn Bewegung in diese Fragen käme. Wenn nicht immer die gleichen Fragen gestellt würden, sondern vielleicht auch mal ein paar vorläufige Antworten gefunden würden und daraus neue Fragen entstehen, die neue Diskussionen und Ideen auslösen, die zu wieder neuen Fragen und der Hinterfragung erster Antworten führen und so weiter, immer weiter.
Kim: Ja, ja. Neoliberales Fortschrittsdenken. Wenn das mal nicht zu hinterfragen wäre! Du siehst ja, wie verhaftet du in den jetzigen Strukturen bist.

Quellen:

  • Rolf Schwendter: Utopie. Überlegungen zu einem zeitlosen Begriff http://www.nadir.org/nadir/archiv/PolitischeStroemungen/utopie/
  • Joachim Pfeiffer: Utopie und Utopieverlust. http://home.ph-freiburg.de/pfeifferfr/utopie.htm
  • Martin d'Idler: »bolo'bolo« (1983) von P. M. Der Entwurf eines globalen Anarchismus als neuer Klassiker der politischen Utopie aus UTOPIE kreativ, H. 205 (November 2007), S. 1066-1071 http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/205DIdler_01.pdf
  • P.M.: Zwischen Regenwald und Permafrost
  • Suchmaschinen


zurück
nach oben
"Du bist nicht besser, als der neben dir. Keiner hat das Recht, Menschen zu regiern." - Ton-Steine-Scherben
lustiges Schaf
title - leben?
Creative Commons License impressum