Das Ekumen - Motivation zur Föderation

05.08.2010

Als Teil einer Gruppe, die sich mit Aktivitäten rund um das Motto "Sympathie für Anarchie" umtreibt und in der afb (Anarchistische Föderation Berlin) föderiert ist, die wiederum Teil des FdA (Forum deutschsprachiger AnarchistInnen) ist, welches im IFA (Internationale der anarchistischen Föderationen) organisiert ist (also vier Ebenen der Föderation (Gruppe->afb->FdA->IFA)), habe ich mir schon einige Male Gedanken zum Sinn und Unsinn von Föderationen gemacht.
Nach Wikipedia ist Föderalismus ein Organisationsprinzip, bei dem die einzelnen Glieder über eine gewisse Eigenständigkeit verfügen, aber zu einer übergreifenden Gesamtheit zusammengeschlossen sind. Anarchistische Föderation betrifft alle Aspekte des Lebens wie Produktion, Konsumption, Wohnformen und Bildung. In einer anarchistischen Föderation sind die Föderierten im Rahmen einer in der Föderation im Konsens erarbeiteten und bei Bedarf neu verhandelbaren freien Vereinbarung (Grundkonsens) autonom. D.h. Entscheidungen werden meist auf Ebene der föderierten Gruppen getroffen, die ihre eigenen Bedürfnisse am Besten kennen. Der Grundkonsens wird Varianten anarchistischer Prinzipien wie Kooperation, Solidarität und Abbau von Herrschaftsmechanismen enthalten. An Treffen auf Föderationsebene, die im Wesentlichen dem Informationsaustausch und der Koordination dienen, nehmen Delegierte der föderierten Gruppen teil. Vorteil anarchistischer Föderationen ist die Möglichkeit der gemeinsamen Nutzung von Ressourcen (z.B. Fuhrpark, Räume, Kraftwerk, Kenntnisse, Zeit von rundreisenden Referent_innen, ...). Zweck des Aufbaus anarchistischer Föderationen in der kapitalistischen Gegenwart ist zudem der Aufbau emanzipatorischer Strukturen und das praktische Erproben und Lernen von Organisationsformen anarchistischer Gesellschaften sowie die Präsentation und Attraktivierung einer gesellschaftsorganisatorischen Alterative.
Neue Ideen zum Thema Föderation hatte ich beim Lesen von "The Left Hand of Darkness" (im Deutschen "Winterplanet") von Ursula K. Le Guin, die auch den von mir sehr geschätzten Science Fiction "The Dispossessed" (Planet der Habenichtse) geschrieben hat. In "The Left Hand of Darkness" geht unter anderem darum, wie Ai, der Botschaftler des Weltenbundes "Ekumen" auf dem Planet "Gethen" versucht die dortigen Nationen (v.a. Karhide) von der Sinnhaftigkeit einer Allianz mit dem Ekumen zu überzeugen. Das Konzept des Ekumen, soweit es in dem Buch beschrieben ist, kann Anregungen für Gedanken zur Föderation bieten, auch wenn beim Ekumen Tendenzen zum Freihandel, die aus anarchistischer Perspektive kritisch zu sehen sind, rauszulesen sind. Positiv ist, dass der Schwerpunkt auf dem Austausch von Informationen, Wissen und Fähigkeiten liegt. Da nicht beschrieben wird, wie der "Handel" funktioniert, also nach welchen Werten bewertet und evt. getauscht wird, könnte auch (anarchistisches Verständnis von ökonomischen Beziehungen) angenommen werden, dass Güter und Informationen unbewertet denen zur Verfügung gestellt werden, die sie brauchen.
Hier einige Zitate aus dem Buch in zwei Sprachen (in der dt. Übersetzung wurde "the Ekumen" mit "die Ökumene" übersetzt - darüber setzte ich mich hinweg):

1. Was ist das Ekumen?

  • But the Ekumen doesn't rule, it co-ordinates. It's power is precisely he power of its member states and worlds. In alliance with the Ekumen, Karhide will become infinitely less threatened and more important than it's ever been. - Aber das Ekumen herrscht nicht, es koordiniert. Seine Macht ist nicht mehr und nicht weniger als die Macht ihrer Mitgleidstaaten und -welten. Durch eine Allianz mit dem Ekumen wird Karhide weit weniger gefährdet und weit bedeutender sein als es jemals gewesen ist. (1/p18)
  • Ekumen is our Terran word; in common tongue it's called the Household; in Karhidish it would be the Hearth. [...] But the Ekumen is not essentially a government at all. It is an attempt to reunify the mystical with the political, and as such is of course mostly a failure; but its failure has done more good for humanity so far than the successes of its predecessors. It is a society and it has, at least potentially, a culture. It is a form of education; in one aspect, it's a sort of very large school - very large indeed. The motives of communication and cooperation are of its essence, and therefore in another aspect it's a league or union of worlds, possessing some degree of centralized conventional organization. It's this aspect, the League, that I now represent. The Ekumen as a political entity functions through coordination, not by rule. It does not enforce laws; decisions are reached by council and consent, not by consensus or command. As an economic entity it is immensely active, looking after interworld communication, keeping the balance of trade amoungh the Eighty Worlds. [...] It hasn't any (law). Member states follow their own laws; when they clash the Ekumen mediates, attempts to make a legal or ethical adjustment or collation or choice. Now if the Ekumen, as an experiment in the superorganic, does eventually fail, it will have to become a peace-keeping force, develop a police, and so on. But at this point there's no need. All the central worlds are still recovering from a disastrous era a couple of centuries ago, reviving lost skills and lost ideas, learning how to talk again. - "Ekumen" sagen wir auf Terra; in der Allgemeinsprache heißt es "der Teil des bewohnten Universums, der zu uns gehört"; in Karhidisch würde man sie als "Herd" bezeichnen. [...] Nur ist das Ekumen im Grunde keine Regierung. Sie ist ein Versuch, das Mystische wieder mit dem Politischen zu vereinen, und als solcher natürlich weitgehend misslungen; doch seine Misserfolge haben der Menschheit bisher mehr genützt als die Erfolge aller früheren Versuche. Es ist eine Gesellschaft und hat, wenigstens potentiell, eine Kultur. Es ist eine eine Art Bildungsinstitution; in gewisser Hinsicht ist es eine große Schule - eine sehr große. Ein elementarer Bestandteil seiner Existenz sind die Motive Kommunikation und Kooperation, und darum ist es aus anderer Sicht wieder auch eine Liga oder Union von Welten, die bis zu einem gewissen Grad auf konventionelle Art und Weise zentral organisiert ist. Diesen Aspekt des Ekumens, die Liga, repräsentiere ich hier. Als politische Einheit funktioniert das Ekumen mittels Koordination, und nicht mit Hilfe einer Regierung. Es führt keine Gesetze durch; Entscheidungen werden durch Beratung und Zustimmung getroffen, nicht durch Bestimmungen oder Befehle. Als wirtschaftliche Einheit ist das Ekumen ungeheuer aktiv, es kümmert sich um die Interweltkommunikation, und koordiniert den Handel zwischen den über achtzig Welten, die ihm bis heute angehören. [...] Es gibt keine (Gesetze). Die Mitgliedstaaten haben ihre eigenen Gesetze; nur wenn sie kollidieren, greift das Ekumen ein, vermittelt, versucht einen rechtlichen oder ethischen Vergleich oder Kompromiss herbeizuführen. Sollte das Ekumen als zivilisatorisches Experiment sich letztlich als Fehlschlag erweisen, wird es sich zu einer Macht umorganisieren müssen, das den Friedenswächter spielt, wird eine Polizeitruppe aufstellen, und so weiter. Im Augenblick besteht dazu jedoch keine Notwendigkeit. Alle zentralen Welten sind noch damit beschäftigt, sich von einer sehr unseligen Ära vor zwei Jahrhunderten zu erholen, vergessene Fähigkeiten wiederzubeleben, verlorene Ideen wiederzufinden und wieder zu lernen, miteinander zu reden. (10/p136f) ("centralized - zentral" ist anarchistisch verstanden nicht das Zentrum der Macht, sondern ein gleichberechtigt von dezentralen Föderierten genutztes Informations- und Koordinationsmedium.)

2. Was ist die Motivation für das Ekumen?

  • He served the master I serve. - The Ekumen? - No. Mankind. - Er diente demselben Herren, dem ich diene. - Dem Ekumen? - Nein. Der Menschheit. (20/p293)
  • Material profit. Increase of knowledge. The augmentation of the complexity and intensity of the field of intelligent life. The enrichment of harmony and the greater glory of God. Curiosity. Adventure. Delight. - Materieller Profit. Erweiterung des Wissens. Steigerung der Komplexität und Intensität auf dem Gebiet des intelligenten Lebens. Vermehrung der Harmonie und der Herrlichkeit Gottes (hier bevorzugte Philosophie einfügen oder ganz streichen ;-) ). Neugier. Abenteuer. Freude. (3/p34) ("Profit" könnte hier anarchistisch nicht als finanzieller Mehrwert, sondern als gesellschaftliche Weiterentwicklung verstanden werden.)
  • Open trade is really what I'm here to try to set up. Trade not only in goods, of course, but in knowledge, technologies, ideas, philosophies, art, medicine, science, theory... I doubt that Gethen would ever do mouch physical coming-and-going to the other worlds. We are seventeen light-years here from the nearest Ekumenical World, Ollul, a planet of the star you call Asyomse; the farthest is two hundred and fifty light-years away and you cannot even see its star. With the ansible communicator, you could talk with that world as if by radio with the next town. But I doubt you'd ever meet any people from it... The kind of trade I speak of can be highly profitable, but it consists largely of simple communication rather than of transportation. My job here is, really to find out if your're willing to communicate with the rest of mankind. - Und genau das - Freien Handel - möchten wir hier einzuführen versuchen. Handel, der sich natürlich nicht nur mit Waren befasst, sondern mit Wissen, mit Technik, mit Idden, Philosophien, Kunst, Medizin, Wissenschaft, Theorien... Dass Gethen besonders viel Fahrten zu anderen Welten unternimmt, glaube ich kaum. Wir sind hier siebzehn Lichtjahre von Ollul, der nächsten Ekumenischen Welt entfernt, einem Planeten des Sternes, den Sie hier Asomse nennen; die weiteste ist zweihundertundfünfzig Lichtjahre entfernt, und man kann von hier aus nicht einmal ihren Stern erkennen. Mit dem Ansible-Kommunikator jedoch, können Sie sich mit dieser fernen Welt unterhalten, als handelte es sich dabei um ein Telefongespräch mit einem Freund in der nächsten Stadt, während Sie seine Bewohner wohl kaum einmal zu sehen bekommen werden... Die Form des Handels, von der ich spreche, kann überaus einträglich sein, besteht jedoch weitgehend nicht aus Transporten, sondern einfach aus Kommunikation. Meine Aufgabe hier ist es, herauszufinden, ob Sie bereit sind, mit der übrigen Menschheit in Kommunikation zu treten. (10/p138) (Der Begriff "Open trade - Freier Handel" wird hier von Ai aus polit-strategischen Gründen benutzt. Anarchistisch verstanden geht es nicht um neoliberalen freien Handel im kapitalistischen Markt sondern wie bei "Open Source" um Schenkökonomie.)

3. Bedenken und Schwierigkeiten

  • Forays are worth no one's trouble, across space [...] Trade, however, is worthwhile. In ideas and techniques, communicated by ansible; in goods and artifacts, sent by manned or anmanned ships. Ambassadors, scholars, and merchants, some of them micht come here; some of yours might go offworld. The Ekumen is not a kingdom, but a co-ordinator, a clearinghouse for trade and knowledge; without it communication between the worlds of men would be haphazard, and trade very risky, as you can see. Men's lives are too short to cope with the time-jumps between worlds, if there's no network and centrality, no control, no continuity to work through; therefore they become members of the Ekumen. - Wenn es gilt Weltraumentfernungen zu überwinden, lohnt sich kein Streit. [...] Der Handel dagegen lohnt sich sehr. Austausch von Ideen und technischen Methoden, durch Ansible übermittelt; Austausch von Waren und Gebrauchsgütern, verschickt mit bemannten oder unbemannten Schiffen. Gesandte, Gelehrte und Kaufleute - einige von ihnen kommen vielleicht hierher, während einige von den euren die Welt hier verlassen werden. Das Ekumen ist kein Königreich, sondern ein Koordinator, ein Umschlagplatz für Handel mit Wissen. Ohne sie bliebe die Kommunikation zwischen den Bewohnern der verschieden Welten mehr oder weniger dem Zufall überlassen, bliebe der Handel ein riskantes Unternehmen, wie sie ja sehen. Das Leben der Menschen ist zu kurz für Zeitsprünge zwischen den Welten, wenn es kein Verkehrs- und Nachrichtennetz und keine Zentrale gäbe, keine Kontrolle, keine Kontinuität, mit deren Hilfe man arbeiten kann. Deswegen werden sie Mitglieder des Ekumen.(3/p35)
  • (Über die Schwierigkeiten der Kommunikation zwischen unterschiedlichen (noch nicht föderierten) Kulturen.) but trying to communicate with him was itself an incommunicable fact. - Dass ich mich mit Argaven nicht duellierte, sondern zu verständigen suchte, war an sich schon eine Tatsache, die ich ihm niemals begreiflich machen konnte. (3/p34)
  • (Über das Konzept des Patriotismus von Menschen, die in nationalen Machtstrukturen denken (z.B. Tibe) und solchen, deren Ziel die Föderation im Ekumen ist (Sprecher_in)) How does one hate a country or love one? Tibe talks about it; I lack the trick of it. I know people, I know towns, farms, hills and rivers and rocks, I know how the sun at sunset in autumn falls on the side of a certain plowland in the hills; but what is the sense of giving a boundary to all that, of giving it a name and ceasing to love where the name ceases to apply? What is love of one's country; is it hate of one's uncountry? Then it's not a good thing. Is it simply self-love? That's a good thing, but one mustn't make a virtue of it, or a profession... Insofar as I love life, I love the hills of the Domain of Estre, but that sort of love does not have a boundary-line of hate. And beyond that, I am ignorant, I hope. - Wie hasst man ein Land? Wie liebt man es? Tibe redet ständig davon; ich habe diesen Trick nie gelernt. Ich kenne Menschen, ich kenne Städte, Farmen, Berge, Flüsse und Felsen, ich weiß, wie bei einem Sonnenuntergang im Herbst die Sonnenstrahlen auf ein bestimmtes Stück Ackerland an einem Abhang fallen. Doch welchen Sinn hat es, all dem eine Grenze zu geben, all dem einen Namen zu geben und dort, wo der Name nicht mehr zutrifft, aufzuhören, es schön zu finden? Was ist das, Liebe zum eigenen Land? Ist es der Hass auf das eigene Nicht-Land? Dann wäre es wahrhaftig nichts Gutes. Ist es vielleicht ganz schlicht und einfach Eigenliebe? Das ist etwas Gutes, aber man darf weder eine Tugend daraus machen, noch einen Beruf... Wie ich das Leben liebe, so liebe ich die Berge der Domäne Estre, doch diese Liebe ist nicht von einer Grenze aus Hass umgeben. Im Hinblick darauf, was jenseits dieser Wirklichkeit liegt, bin ich - hoffentlich - unwissend. (15/p211f)

Welche Überlegungen ergeben sich für mich aus der Lektüre? Eine Föderation als Allianz von weit entfernten Planeten zu denken, hilft die Autonomie, die Sinnlosigkeit von Gesetzen und die Zweckmäßigkeit von organisiertem inhaltlichem Austausch nach konsensualen Vereinbarungen zu verstehen. Föderation ist nicht Selbstzweck, sondern dient der Wohle der Menschen. Vielleicht kann der föderale inhaltliche Austausch dazu beitragen, die Unsinnigkeit von Patriotismus zu erkennen. Föderation bedeutet nicht nur Solidarität und das gemeinsame Nutzen von Ressourcen, sondern vor allem das gemeinsame Nutzen von immateriellen Ressourcen, den Austausch von Wissen. Darin liegt eine gewisse Abenteuerlust (nicht nur der Wissensdurstigen). Wichtig ist meiner Meinung nach dabei mitzudenken, dass in der Art der Kommunikation bereits kulturelle Unterschiede bestehen können. Solange es keine automatische Übersetzung in die Sprechweisen gibt (noch lange nicht, da das, was zwischen den Zeilen mitschwingt von Maschinen schwer erfasst wird) ist kritisch interessierter und nicht kolonialistisch-paternalistischer Umgang damit wichtig.

Ein weiterer interessanter Aspekt von "The Left Hand of Darkness" ist übrigens, dass es bei den Wesen von Gethen keine dualistische Trennung von "männlichen" und "weiblichen" Merkmalen sowohl bei Sex als auch bei Gender gibt. Ai überlegt ab und zu ob, die Eigenschaften der Bewohner_innen damit zusammenhängen kommt aber eher zu dem Schluss, dass das weniger eine Rolle spielt als das sehr harte und kalte Klima des Planeten.



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"Die meisten Anarchisten sind schließlich zu der Meinung gelangt, sie könnten sich nennen wie sie wollten, verleumdet würden sie immer - weshalb sie ebenso gut bei dem problematischen Wort "Anarchie" bleiben und ihm einen positiven Inhalt geben könnten." - Horst Stowasser
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