Terror der Strukturlosigkeit - Struktur als Herrschaft - Organisationsstrukturen zur Überwindung von Herrschaftsstrukturen?

20.05.2010

Jo Freeman schrieb schon 1970 in "The Tyranny of Structurelessness" von den Gefahren angeblich strukturloser Gruppen. Durch Interaktion zwischen Menschen entsteht unvermeidlich Struktur. Dies zu leugnen kann zur Verdeckung von informellen (und damit umso wirkungsvolleren) Strukturen dienen. Angebliche Strukturlosigkeit führt zu unklaren, nur wenigen bekannten Regeln, die damit der "in-group" Vorteile verschafft. "Strukturlose" Gruppen beschäftigen sich mehr mit sich selbst als mit Aktionen. Der Eindruck von Strukturlosigkeit kann Orientierungslosigkeit und Angst hervorrufen, was wiederum eine gute Grundlage ist, um Herrschaft auszuüben.
Im HierarchNie-Reader der Projektwerkstatt wird dagegen gegen jede Art von Hierarchie, Grenzen und Schranken und Entscheidungen gewettert. Als Informatiker_in bin ich Hierarchien gegenüber aufgeschlossen. Hierarchische Strukturierung kann für Übersicht sorgen. Problematisch ist nur das Nutzen von Strukturen für Herrschaftszwecke. Herrschaft ist nicht nur das Durchsetzen von Dingen gegen den Willen anderer, sondern auch (Max Weber) die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden.
Der Hierarchnie-Reader behauptet, dass Konsens-Entscheidungen Herrschaft seien, da sie im Zweifelsfall nur mit Durchsetzungsmacht Wirkung hätten. Die Skepsis gegenüber Plena und deren Entscheidungswahn ist angesichts der dort reproduzierten Machtstrukturen der Vielredner_innen angebracht. Viele Dinge müssen nicht entschieden werden und können von betroffenen Kleingruppen autonom erledigt werden. Entscheidungsfindungsprozesse und inhaltliche Diskussionen laufen in Kleingruppen besser als im Plenum. Den Satz "Bewegung und Vernetzung entsteht durch das Nebeneinander vieler handlungsfähiger Gruppen (horizontale Vernetzung)" aus dem Reader kann ich unterstützen, jedoch denke ich, dass zu lose Vernetzung zu Problemen der angeblichen Strukturlosigkeit (siehe oben) oder der mangelnden Accountability (siehe unten) führen kann.
Die vom HierarchNie-Reader aufgemachte Grenze zwischen freien Vereinbarungen ("gut") und Entscheidungen ("böse") scheint etwas beliebig. Für mich ist es selbstverständlich, dass in einem Konsensprozess getroffene Entscheidungen in anarchistischen Strukturen immer als freie Vereinbarungen gedacht, also neu verhandelbar sind. Auch dass Konsens zum Harmonisieren und Verdecken von Konflikten führt stimmt meiner Meinung nach nicht. Dadurch, dass jede_r weiß, dass er_sie gehört wird, kann Streit kultiviert werden. Die Möglichkeit der Konsensstufe "stand-aside" ("ich halte nichts davon - ihr könnt das machen, aber ich werde nicht dabei sein") lässt explizit mehrere Handlungsoptionen ohne Einigungszwang nebeneinander stehen.
Strukturen können zur Zuverlässigkeit, Verantwortlichkeit (accountability, früher auch "Solidarität" genannt ;-) ) von Gruppen und Föderationen beitragen. Dies ist meiner Meinung nach unerlässlich, wenn eine ernstzunehmende Alternative geschaffen werden soll. Denn Anarchie ist nicht Chaos und ich will, dass mich meine anarchistische Gruppe und Föderation nicht vielleicht zufällig irgendwie unterstützt, sondern vorbereitet und planvoll.
Strukturen sind weder "gut" oder "schlecht", aber sie sind. Und sie können verschoben und neu gestaltet werden. Vor allem durch Sichtbar machen von teilweise gar nicht wahrgenommenen, verfestigten asymmetrischen Machtverhältnissen, Reflektieren und Kommunizieren.



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"Es gibt mehr als eine Art der Freiheit - die Freiheit zu, und die Freiheit von. In den Tagen der Anarchie war es die Freiheit zu. Jetzt ist dir die Freiheit von gegeben. Unterschätze das nicht." - Margaret Atwood, A Handmaid's Tale
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