Frauen?

Tutorinial zur Benutzung einer "geschlechtergerechten" Sprache

Warum dieses Tutorial? Wenn ich Helfer schreibe, sind die Frauen natürlich "mitgemeint", sagt Hannah und viele Frauen sehen das genauso.

- Weil das explizite Nennen der Frauen diese sichtbar macht. Gerade in Bereichen, in denen sie noch unterrepräsentiert sind, ist es gut, Frauen direkt anzusprechen und so als aktive, wesentliche Personen einzubeziehen.
- Weil das Missverständnisse (bin ich jetzt mitgemeint oder nicht?) vermeidet. Auf eine "Mitbewohner gesucht"-Anzeige antwortend bin ich einmal ziemlich unfreundlich behandelt worden, da nur Männer gesucht waren.
- Weil die sprachliche Geschlechtergerechtigkeit EIN Schritt zur Gleichstellung der Frau sein KANN. (Nein, die ist immer noch nicht erreicht. Zählt doch mal die Professorinnen!)

Dies sind nur ein paar Gründe, sich mit diesem Tutorial zu beschäftigen. Andere werden vielleicht erst im Laufe der Lektionen klar. Fest steht, dass es nicht schaden kann, sich mich dieser Thematik zu befassen. Was nun folgt sind keine starren Regeln, die zu befolgen wären, - das verträgt eine lebendige Sprache sowieso nicht -, sondern lediglich Anregungen an Kreativität und Sprachgefühl. Viel Erfolg! ;-)

Lektion 1: Wenn die deutsche Sprache schon eine solche Auswahl ermöglicht, ringst Du Dich dazu durch, Wörter wie "Studentin", "Ärztin" oder "Kauffrau" zur Bezeichnung weiblicher Personen statt "Student", "Arzt" oder "Kaufmann" zu benutzen.
Lektion 2: Verwende weibliche und männliche Personenbezeichnungen symmetrisch. Es heißt beispielsweise nicht "Herr Anton Müller und Frau", sondern "Herr Anton Müller und Frau Berta Müller".
Lektion 3: Du benennst entgegen des in konservativen Kreisen noch beliebten MAN-Prinzips (das Männliche Als Norm), nach dem eine Gruppe von 99 Studentinnen und nur einem Student bereits als "Studenten" bezeichnet wird, gemischt geschlechtliche Gruppen mit beiden Personenbezeichnungen ("Studentinnen und Studenten").
Lektion 4: Zur Abkürzung des oben gelernten, können Schrägstrich- und Klammertechniken verwendet werden. Bsp.: Student/in, Hausmeister(in), ... eigenhändige Unterschrift des/der Antragsteller(s)/in oder sein(es)/er bzw. ihr(es)/er gesetzlichen Vertreter(s)/in ...
Lektion 5: Du erkennst, dass die stupide Verwendung der in Lektion 4 erlernten Technik lediglich den Zweck hat, geschlechtergerechte Sprache kritisierende Personen in dem Vorurteil eine solche Sprache sei umständlich und nicht lesbar, zu bestärken. Die, die nicht bei Lektion 4 hängen bleiben, werden aber merken, dass andere, einfache Formulierungen möglich sind.
Lektion 6: Neutrale Personenbezeichnungen entstehen 1. aus Partizipien oder Adjektiven: Studierende, Abgeordnete, Jugendliche oder 2. durch Anhängen von -person, -personal, -leute, -schaft, -kraft, -mitglied, ... Bsp.: Fachkraft (statt Fachmann/frau), Kundschaft (statt Kunde/in), Vertrauensperson, Betriebspersonal, Ratsmitglied, ...
Lektion 7: Manchmal kannst Du die Personenbezeichnung durch eine neutrale Funktionsbezeichnung ersetzen: Präsidium statt Präsident, Administration statt Administrator, Leitung statt Leiter, Bevölkerung statt Einwohner, ...
Lektion 8: Durch geschicktes Umformulieren kannst Du viel erreichen: Benutze statt "Leser/in" und "er/sie soll ..." entweder den Plural "Leser/innen" und dann einfacher "sie sollen ..." oder die direkte Anrede "Du" "Ihr" oder "Sie" (dass es z.B. um lesende Personen geht wird meist auch aus dem Zusammenhang klar).
Lektion 9: Die in Lektion 4 erlernte Schrägstrich-/Klammerregel wirkt nicht nur umständlich, sondern auch latent diskriminierend, da Frauen nur ausgeklammert oder als Anhängsel erscheinen. Eine Alternative ist das große Binnen-I: SchülerInnen, LeserIn, MitarbeiterInnentreffen. Nur Mut! Diese Schreibweise ist mittlerweile schon recht weit verbreitet.
Lektion 10: "Mannschaft" sollte bei gemischtgeschlechtigen Gruppen durch z.B. durch "Team" ersetzt werden. "Brüderlichkeit" meint meistens "Mitmenschlichkeit". Statt "pro Mann" kann "pro Kopf" benutzt werden und statt "Absender" "abgesendet von"...
Lektion 11: "jedermann(, der)" und "jeder(, der)" kann durch "alle(, die)" ersetzt werden, "jemand, der" durch "eine Person, die" und "manch einer" ist durch "manche" ersetzbar.
Lektion 12: Wenn Du an dem Finden und Ersetzen von geschlechterungerechten Formulierungen langsam Spass findest (so soll es sein!), kannst Du einen Schritt weiter gehen: Das Pronomen "man" soll einerseits für alle Menschen (Männschen?) gelten, klingt aber andererseits nur nach "Mann". Hier einige Möglichkeiten, "man" elegant zu vermeiden: "Man muss das Gerät anschließen" wird zu "Du musst das Gerät anschließen" (bzw. "ich","wir" oder "sie") oder "Das Gerät muss angeschlossen werden". "Man kann das auch anders schreiben" wird zu "Das lässt sich auch anders schreiben".
Lektion 13: In Zusammenhängen, in denen es nur um Frauen geht, wird das Pronomen "man" auch durch das neue Pronomen "frau" ersetzt. Bsp.: "In der Schwangerschaft sollte frau ...". Außerdem kannst Du in diesen frauenspezifischen Kontexten von "Ausnahmefrauen", "Unifrauen", "Berufsfrauen" und so weiter reden. Möglich ist auch "jedefrau" statt "jedermann". Trau einfach Deinem Sprachgefühl und sei kreativ!
Lektion 14: "Alle Menschen werden Brüder". Die schräge Männerlogik dieses und vieler anderer Zitate, die wir öfter mal zu hören bekommen, fallen Dir sicherlich schon direkt ins Auge. Seltsam, dass "Alle Menschen werden Schwestern" auf viele falsch oder lächerlich wirkt ...
Lektion 15: Es ist übrigens noch gar nicht so lange her, dass Wörter wie "Ärztin" oder "Kauffrau" in die "offizielle" deutsche Sprache aufgenommen wurden. Im Duden von 1966 steht noch "Frau Schulze ist Schlosser/Doktor" oder "Grete B., Rechtsanwalt (auch schon: Rechtsanwältin)". Sprache verändert sich. Und zwar schnell. Und nicht durch die Arbeit irgendwelcher Sprachkommissionen, sondern durch den alltäglichen Gebrauch der Sprache, also durch uns! Es spricht also überhaupt nichts dagegen, noch ungebräuchliche oder völlig neue Wörter und Wendungen zu gebrauchen. Ein paar Beispiele: Verwende das Pronomen "mensch" statt "man": "Mensch muss das Gerät anschließen". Statt "Einer muss das machen" kann "eins muss das machen" formuliert werden. "niemand" und "jemand" kann durch "niemensch" und "jemensch" ersetzt werden. Wie wär's mit "anfreundInnen", "künstlerInisch" oder "SalzstreuerIn"? Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt und so ein bisschen Spass zwischen den Zeilen kann auch nicht schaden.
Lektion 16: Du hast jetzt in 15 Lektionen jede Menge Möglichkeiten geschlechtergerechter Sprache kennengelernt. Aber ist das geschlechterGERECHT? Nein. Ungerecht ist beispielsweise, dass in den meisten Fällen die weiblichen Bezeichnungen neu entstehen, aus den männlichen gebildet werden und komplizierter sind als diese. Warum nicht mal umgekeht? Gerd B., männliche Rechtsanwältin (es gab ja auch lange Zeit weibliche Studenten und das klingt auch nicht abwertend, oder?). Noch besser: Wir benutzen "Studenten" jetzt nur für weibliche Studierende (männliche Studierende sind je nach Lust und Laune mitgemeint oder nicht) und bezeichnen Gruppen männlicher Studierender mit dem neuen Begriff "Studerpel". ;-)
Lektion 17: Einige Frauen empfinden es als ungerecht, nicht die gleiche Berufsbezeichnung wie Männer tragen zu dürfen, obwohl sie die gleiche Tätigkeit verrichten. Dieses Gefühl kommt u.a. daher, dass einige Leute z.B. "Professorin" so ausprechen oder mit Gestik und Mimik so unterlegen, dass es wie ein Widerspruch in sich erscheint, dass eine Frau diesen Beruf ausübt. Auch ein Rollenklischee oder Witz auf Kosten der Frauen im nächsten Satz kann die "Professorin" ins Lächerliche ziehen. Nicht nur in der Sprache, sondern auch und vor allem im persönlichen Umgang ist noch viel mehr "Geschlechtergerechtigkeit" nötig.
Lektion 18: In dieser letzten Lektion kannst Du nochmal über das Wort "geschlechtergerecht" nachdenken. Was ist gerecht für die Geschlechter? Was sind die Geschlechter? Gibt es wirklich nur männlich und weiblich und nichts dazwischen? Wäre es nicht besser, die Grenzen zwischen den Geschlechtern ganz aufzuheben? (Lässt z.B. das Wort "Student_In" genug Freiraum zwischen den Geschlechtern?) Davon sind wir wohl sprachlich und gesellschaftlich noch weit entfernt.
Wie's weitergeht entscheidest Du ...

Quellenangaben/Leseempfelungen:
Infomaterial des Frauen&Lesbenreferats
Luise F. Pusch: Das Deutsche als Männersprache


Zwangsheterosexualität ?

Zwangsheterosexualität? Was ist denn das? Heute wird noch niemand mehr gezwungen!?! Gezwungen, im Sinne von gesetzlichem Zwang, wird heute in Deutschland wirklich niemand mehr. 1994 (nein, nicht früher!) wurde der ยง 175 StGB, der die Ausübung männlicher Homosexualität unter Strafe stellte, endlich abgeschafft und seit August 2001 gibt es das Lebenspartnerschaftsgesetz (abschreckendes Wort?), das Homosexuellen erlaubt, einen fast (Adoption ist beispielsweise noch nicht möglich) eheähnlichen Status vor dem Gesetz einzunehmen. In anderen Ländern sieht es dagegen gerade in Zeiten, in denen religiöser Fundamentalismus erstarkt, ganz anders aus: Im Iran, in Saudi-Arabien, Pakistan oder im Jemen (um nur einige Beispiele zu nennen) droht Homosexuellen die Todesstrafe. Und auch in den USA müssen sie mit Verfolgung rechen (Quelle: amnesty international: "Sex, Love and Homophobia"). Habe ich das also mit Zwangsheterosexualität gemeint? Nein, gar nicht unbedingt. Ich meinte schon hier und jetzt unser Umfeld. Zwang nicht im Sinne von physischer oder juristischer Gewalt sondern, eher im Sinne von psychischem Druck, alternativloser Wahl und unbewusster Beeinflussung. Als ich im Gespräch mit einer "gewöhnlichen" Frau mittleren Alters in meinem Heimatdorf das Wort "Heterosexualität" erwähnte, fragte sie ganz entsetzt "Was?" und vermutete Schlimmes. Nach meiner Erklärung antwortet sie dann "ach so, das ist doch ganz normal, dafür brauche ich kein Wort". Unreflektierte Alternativlosigkeit. Im Kindergartenalter haben wir Vater-Mutter-Kind gespielt und Patrick, der Puppen mochte, wurde ausgelacht. Hast Du Dir mal überlegt, warum in Deinen Kinder- und Schulbüchern massenhaft Hetero- aber eigentlich nie Homosexuelle aufgetaucht sind? Wenn die ersten KlassenkameradInnen Beziehungen ausprobieren, müssen andere alles tun, um bloß nicht den Verdacht, homosexuell (das unbekannte schlimme, ihr wisst schon) zu sein, auf sich zu lenken. Permanente Beeinflussung. Warum sind im öffentlichen Raum so viele Frau-Mann-Paare Hand in Hand zu sehen sind, aber fast nie ein Lesben- oder Schwulenpaar. Dabei sind rein statistisch 5-10% homosexuell. Warum sind Homosexuelle fast überall unsichtbar? Und warum sagte mir eine Frau, die sich mit ihrer sexuellen Neigung auseinander setzte "ich will nicht, dass es so [ich bin vielleicht homosexuell] ist, weil es anders viel einfacher ist". Und genau das ist der Zwang, der Zwang, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Nein, ich will nicht jammern, gegen zu wenige sichtbare Lesbenpaare in der Stadt kann frau ja etwas tun. Nur ganz so einfach ist es leider auch wieder nicht. Stell Dir vor Du gehst mit einem rosa Anzug mit dicken lila Punkten durch die Straßen. Wenn Du gut gelaunt bist, merkst Du vielleicht gar nicht, wie die Leute Dich angucken und es macht Dir nichts aus, wenn eineR mal einen blöden Witz macht. Wenn Du aber nicht so gut drauf bist, weil Du bei einer Prüfung durchgefallen bist oder generell ziemlich unsicher bist, dann werden Dich die Blicke nerven, Du wirst wütend über die Leute, die Deinen Anzug-Geschmack nicht wenigstens tolerieren können oder Du bereust es, Dich nicht mit aktuellen Modefarben getarnt zu haben. So ähnlich fühlt es sich an, als Frau mit einer Frau an der Hand spazieren zu gehen. Zu dem psychischen Druck kommt manchmal leider auch die Gefahr von physischem Druck. Besonders schade fand ich, dass sich das gerade am diesjährigen AStA-Sommerfest wieder gezeigt hat: Ein Lesbenpaar, das wie viele andere Paare auf der Wiese saß und der Musik lauschte, wurde von einer Gruppe angetrunkener Jugendlicher zunächst mit dummen Sprüchen, dann mit einem Tritt gegen den Oberschenkel angegriffen. Da Kommunikation nicht möglich war, sind die beiden Frauen gegangen, um schlimmeres zu vermeiden. So, genug von diesen traurigen Geschichten. All das, was ich jetzt mehr oder weniger zusammenhanglos geschrieben habe und noch viel mehr, kann dazu beitragen, dass sich die alternativlose Heterosexualität tief in unsern Kopf fest setzt, dass Heteropaare nie daran denken, wie privilegiert sie sind, dass Menschen sich gezwungen fühlen ein Leben zu Leben, das nicht ihr Leben ist und dass der schwierigste Schritt des Coming-Out oft der ist, sich selbst zuzugestehen lesbisch bzw. schwul zu sein. Die Umwelt fasst dies dann meist viel lockerer als befürchtet auf.
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"Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen."
lustiges Schaf
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